Abenteuer Weißlich – Eine Geschichte für Kleine und Große

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Hoch oben, über allen Köpfen und Dächern und Wipfeln, da gibt es ein munteres Treiben, von dem kaum ein Mensch etwas ahnt.
Dort oben wohnen nämlich die Wolken – was an sich ja bekannt ist und somit erstmal vielleicht als nichts Besonderes betrachtet wird. Es ist sozusagen normal.
Und wir glauben, viel gäbe es da nicht zu wissen. Dass die Wolken den Regen bringen und lustige Namen tragen wie Kumulus oder Cirrus. Sie können schneeweiß und flauschig sein oder grau bis dunkelschwarz sogar, sehen heute aus wie feinste Brautschleier und morgen wieder klumpig und geradezu bedrohlich. Das ist alles nichts Neues.
Allerdings ist das erst der Anfang, sozusagen nur die Spitze des Wolkenbergs.
Es sind in der Tat nicht wenige Geheimnisse, die unseren Augen hier verborgen bleiben, weil es den Wolken eigentlich sehr recht ist, dass die Menschen allermeistens nicht so genau hinschauen.
Sie leben nämlich, glaub es oder nicht, ihr ganz eigenes Wolkenleben in ihrer ganz eigenen Wolkenwelt, vom Unten völlig unbemerkt. (Die Vögel und ein, zwei sehr schlaue Kinder wissen natürlich Bescheid).
Wenn du und ich fliegen könnten und unsichtbar wären, könnten wir dort droben Folgendes beobachten:
Die Wolken haben eine Ordnung, die unserer sehr ähnlich ist. Es gibt ausgewachsene Wolken, halbstarke Wolken und kleine bis klitzekleine Wölkchen.
Und die meisten Wolken leben in Familien zusammen – Wolkenmama, Wolkenpapa und Wolkenkind. Manches Mal ist gar ein regelrechter Wolkenkinderschwarm vorhanden. Dabei können dann sogar die Wolkeneltern leicht den Überblick verlieren.

Solch eine Wolkenfamilie wollen wir in dieser Geschichte näher betrachten.
Es ist die größte unter den Wolkenfamilien – Weißlich geheißen, denn auch Wolken haben Namen, wie wir ja wissen.
Mama Regina und Papa Wolker hatten für 27 winzige bis große Wolklinge zu sorgen, was selbstverständlich recht regelmäßig in kleinem bis mittelgroßem Chaos endete. Bis dann alle Weißlichs wieder ihren Platz gefunden hatten, konnte schon einige Zeit vergehen.
Nebenbei hatten die Weißlichs noch ihren Wolkenaufgaben nachzugehen, wie zum Beispiel den Regen an ganz bestimmte, vorher nach Plan festgelegte Orte zu tragen und dort mehr oder weniger sorgfältig zu verteilen. Oder Schatten zu spenden, der in irgendeinem fernen sonndurchglühten Winkel der Welt dringend benötigt wurde.
Und während die Wolkeneltern ihre Wolkenarbeit erledigen, sind alle Wolklinge immer dabei und erlernen somit das Wolkenhandwerk von klein auf.
Wenn also irgendwo in einem Garten im Sommer die Erdbeeren nicht genügend gegossen scheinen, war vielleicht eine Wolkenmama gerade abgelenkt, weil ein freches Wölklein genau in diesem Augenblick aus der Reihe getanzt oder gar vom Wölkchenwege abgekommen war.

Ein Wölkchen reißt aus
Wölkchen auf Abwegen

Nun gibt es unter den Wolkenkindern, genau wie bei uns, die besonders Neugierigen.
Eben so ein Fratz war Sturmina, der drittjüngste Weißlich-Spross. Auf Sturmina mussten Mama und Papa Weißlich stets besonders gut achtgeben, weil sie immer aufs Neue etwas entdeckte, das sie unbedingt aus der Nähe sehen wollte. Dadurch entfernte sie sich oft viel weiter von ihrer Familie, als sie durfte.
Mama Weißlich hatte schon häufig mit ihr darüber geredet und Sturmina wusste also von der Gefahr, davongeblasen zu werden und sich zu verirren. Und so gern wollte sie brav sein und besser auf sich aufpassen. Doch die Menschenwelt kitzelte immer wieder ihre Neugier.
Und wenn dann wiederum ein unbekanntes Geräusch von ganz weit unten zu ihr drang oder etwas glänzte und funkelte, so vergaß Sturmina abermals alles um sich herum und musste näher heran und es erforschen.

Genau so geschah es eines dunklen Regentages im Spätherbst.
Sturmina entdeckte etwas, das sie sehr verwunderte, Sterne –  jedoch in einem Haus!
Zweifelnd kam sie dem Haus näher und schaute noch einmal ganz genau hin. Dass die Menschen in Häusern wohnten, von denen manche bis zum Himmel reichten, wusste die kleine Wolke schon. Auch bekannt war ihr, dass es in diesen Häusern leuchtende Hängedinger gab, kleinen Sonnen sehr ähnlich, die die Menschen ein- und ausschalten konnten. Wenn sie beispielsweise keine Lust aufs Schlafengehen hatten, obwohl die echte Sonne bereits gesunken war.
Aber Sterne, das wusste sie sogar sehr genau, gab es nur am Himmel und auch dort nur nachts.
Doch auch auf den zweiten Blick sah sie zu ihrem großen Erstaunen dasselbe wie zuvor. Es schien tatsächlich, als strahlten dort unten, im höchsten Fenster des höchsten Hauses, mehrere Dutzend wunderschöner Sterne.
Ein Fensterflügel stand weit offen und das ganze Innen schien von ihnen ausgefüllt zu sein.
Nun gab es für Sturmina kein Halten mehr, bezaubert ließ sie sich tiefer sinken und immer noch tiefer, bis sie direkt vor dem wundersamen Fenster hing und genau hineinschauen konnte.
Es war, wie sie gedacht hatte, obwohl sie es nicht begriff. Der ganze Raum war von goldenen Sternen übersät, ansonsten aber lag er im Dunkel. Die kleine Zimmersonne war nicht eingeschaltet und so wohnte dem stillen Geschehen ein recht geheimnisvoller Zauber inne.
Immer noch näher kam unser Wölkchen dem Fenster, bis es schließlich, ohne es selbst zu merken, gar hineinschlüpfte.
Nun fand sich Sturmina inmitten der herrlichen Sternenpracht wieder, drehte sich begeistert um und um und kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
Plötzlich flog die Zimmertür auf und mit den laut und fröhlich über die Schulter gerufenen Worten „Ja, Mama“ kam ein Mädchen hereingewirbelt.
Als es Sturmina bemerkte, blieb es wie angewurzelt stehen. Das Wolken- und das Menschenkind sahen einander erschrocken an. Als aber keins das Andere zu bedrohen schien, wurden beide mutiger und begannen sich gegenseitig voller Neugier gründlich zu betrachten.
Sturmina hatte die Menschen bisher immer nur von hoch oben gesehen, dies Mädchen hier war also der erste Mensch, den sie von Nahem sah.
Dem Mädchen erging es ebenso, auch sie hatte noch nie eine Wolke anderswo als am Himmel gesehen.
Das Mädchen knipste das Licht an, um besser sehen zu können.
Als sich die Beiden fürs Erste aneinander sattgesehen hatten, sprach das Menschenkind. „Ich bin Elise“, sagte Elise.
Bereitwillig gab auch das Wolkenkind seinen Namen preis, und nun klatschte Elise in die Hände und begann, Sturmina all ihre Spielsachen vorzuführen.
Sie zeigte ihr die Eisenbahn mit ihrer kleinen Landschaft und den winzigen Fahrgästen, holte ihre Holzbausteine hervor und wunderschöne Glasmurmeln in unzähligen Farben und Mustern. Dann wies sie stolz auf das gut gefüllte Bücherregal, angelte gleichzeitig ein Springseil und einen hellblauen Gummiball unter dem Bett hervor und während sie eins nach dem anderen nahm und wieder ablegte, erklärte sie unentwegt der aufmerksam lauschenden Sturmina alles ganz genau.
Als nächstes begann Elise, all ihre Puppen und ihren Teddybären der Größe nach auf ihrem Bett zu ordnen und sie Sturmina eine nach der anderen vorzustellen.
„Und das hier ist Kurtchen“, endete sie mit dem Bären und drehte sich zu Sturmina um. „Was noch?“, überlegte sie, rief gleich darauf: „Ach ja!“ und  lief zum Radio.
Sie drückte auf einen Knopf, worauf das Radio prompt mit lauter Orchestermusik antwortete.
Davon erschrak nun die kleine Wolke so fürchterlich, dass sie hastig zurückwich, sich dabei in einem Vorhang verfing und nicht wieder befreien konnte. Eilig schaltete Elise das Radio wieder ab, doch es war zu spät.
Und während die Wolke immer verzweifelte kämpfte, merkte sie gar nicht, dass sie zu schrumpfen begonnen hatte.
Der Vorhang saugte nämlich allmählich das Wasser auf, aus dem Sturmina wie alle Wolken bestand.
Elise überlegte fieberhaft, wie sie ihrer Wolkenfreundin helfen könnte. Sie rief: „Halt still!“, murmelte mit unsicherer Stimme: „Ich überleg mir was“ und grübelte angestrengt.
Auf ihrem Gesicht war deutlich abzulesen, wie blitzschnell ein Gedanke den anderen jagte. Einen klitzekleinen Augenblick später kam ihr auch schon die rettende Idee.
Flink holte sie aus einer Schublade ihre Schere und schnitt kurzerhand den Vorhang über Sturmina ab.
Vorsichtig, auf ausgestreckten Armen trug sie ihn dann zusammen mit dem Wolkenkind ins Badezimmer. Dort hängte sie den Vorhang sehr behutsam über die Stange, an der der Duschvorhang in einer Ecke hing.
Danach schloss sie die Tür, drehte erst die Heizung auf die höchste Stufe, dann das heiße Wasser voll auf, und sogleich füllte sich das kleine Badezimmer mit dichtem Dampf.
Die Spiegel und Fliesen beschlugen und auch Elises Haut und Haare wurden feucht.
Sie nahm den Vorhang von der Stange und tauchte dessen unteres Ende in das Wasser, das munter auf dem Boden der Wanne herumwirbelte.
Und sobald der Vorhang begonnen hatte, sich vollzusaugen, merkte auch Sturmina, wie sie wieder zu wachsen anfing.
Ungeduldig warteten nun Wolken- und Menschenkind gemeinsam, bis Sturmina die Größe zurückhatte, mit der sie vertraut war und sich wohlfühlte.
Als es endlich soweit war, konnte sich das Wölkchen auch gleich ganz leicht aus dem Vorhang befreien.
Erleichtert ließ Elise den Vorhang in die Badewanne sinken, stellte Wasserhahn und Heizung ab und öffnete die Tür weit.
Das Wolken- und das Menschenkind kehrten nach diesem Schreck ins Kinderzimmer zurück, wo Elise sich erstmal völlig erschöpft auf den Boden setzte, um zu verschnaufen. Auch Sturmina musste zunächst ein Weilchen ausruhen.
Einige Minuten später sagte die Wolke dann leise: „Puh! Danke, du hast mir das Leben gerettet!“, und „Woher wusstest du, was du tun musst?“
Nach kurzem Überlegen entgegnete Elise: „Es war eigentlich nur so ein Gefühl“. Und hastig fügte sie hinzu: „Ich hatte einfach keine andere Idee, verstehst du? Und ich wollte doch nicht, dass du ganz und gar verschwindest“.
Unsicher senkte sie den Kopf und murmelte: „Außerdem dachte ich, schlimmer kann ich es auch nicht mehr machen“. Sie hob den Kopf wieder, atmete ein langes Mal tief durch und meinte nun schon wieder recht vergnügt: „Bin ich froh, dass das geklappt hat!“
„Und ich erst! Wie ich mich gefürchtet hab, das kannst du dir ja vorstellen. Ab jetzt halte ich mich lieber von Vorhängen fern. Tausend Dank nochmal, ich schulde dir wohl was!“, lächelte Sturmina. Ihre nächsten Worte kamen zögerlich und aus ihrer Stimme sprach ein deutlicher Ernst: „Ich muss los. Meine Eltern sorgen sich bestimmt und die ganze Familie sucht himmelauf, himmelab nach mir.
So lange wie heute bin ich noch nie weggeblieben. Uiuiui, das gibt ein ordentliches Donnerwetter! Ich wette, zur Strafe darf ich ewig in der Mitte mitfliegen, wo ich am sichersten aufgehoben bin.“ Sie zog eine Schnute: „Da komm ich eine Weile nicht unbemerkt weg“.
Gleich darauf grinste sie gutgelaunt: „Aber weißt du was? Das war es sowas von wert! Und wir kommen irgendwann ganz sicher wieder hier vorbei. Ich besuch dich, wenn ich kann. Versprochen“. Und damit setzte sie sich Richtung Fenster in Bewegung.
Fast hatte sie das Fenster erreicht, da drehte sich Sturmina noch einmal um:
„Ach so… Eins muss ich unbedingt noch wissen: Ich bin hier reingekommen, weil hier lauter Sterne geleuchtet haben.“
Sie blickte sich suchend um: „Alle weg… Was war das nur? Weißt du, was ich meine?“
Elise lachte, sprang auf und lief zum Lichtschalter. „Die sieht man nur, wenn es dunkel ist“, antwortete sie und knipste.
Die Zimmersonne erlosch und gleichzeitig erstrahlte das Dunkel erneut im Sternenlicht. Das Wölkchen jauchzte und überschlug sich mehrmals vor Freude.
Staunend ließ es sich das Nachtlicht zeigen, das sehr stark an einen Marienkäfer erinnerte. Nur war Elises Exemplar natürlich deutlich größer, und anstelle der Punkte trug es sternförmige Löcher auf dem Rücken.
Doch noch bevor Sturmina sich sattgewundert hatte, rief sie plötzlich: „Ach du liebes Bisschen, ich mach es schon wieder… Ich muss nach Hause. Mach’s gut, meine liebe Elise, wir sehen uns wieder.“  Das letzte Wort war nur noch zu erahnen, so weit hatte sich Sturmina in ihrer Eile schon entfernt.

„Mach’s gut, Wölkchen“, flüsterte Elise lächelnd, als sie Sturmina nachschaute. Sie schloss das Fenster und holte ihren Teddybären vom Bett, um ihn zweifelnd zu fragen: „Und wie erklären wir Mama jetzt das mit dem Vorhang? Das glaubt sie uns nie. Wir lassen uns besser blitzschnell noch was richtig Gutes einfallen.“
Doch da war schon die Stimme ihrer Mutter aus dem Bad zu hören, anfangs verwundert, dann etwas lauter und ärgerlicher: „Elise…? Was ist denn…? Ist das etwa Dein Vorhang??“

Und während das Menschenkind langsam Richtung Standpauke schlurfte, erging es dem Wolkenkind weit über ihr recht ähnlich.
Erst Mama Weißlich, dann der Herr Papa und schließlich noch die ältesten Weißlich-Geschwister hielten Sturmina wortreich vor, wie unvernünftig sie gewesen war, und unerhörterweise keineswegs zum ersten Male. Welch schreckliche Dinge ihr da wieder hätten zustoßen können…
Eltern gehen in solchen Momenten selten die Argumente aus und so dauerte das Ganze viel länger als unbedingt nötig. Für Sturminas Geschmack jedenfalls, denn immerhin bedauerte die kleine Wolke doch ihren Fehltritt ganz außerordentlich und auch ihre Erschöpfung war nur schwer zu übersehen.

Am Abend jedoch, zur Schlafenszeit, mussten sowohl Sturmina oben am Himmel als auch Elise unten auf der Erde an ihr heute bestandenes Abenteuer denken.
Und Beide, das Menschen- und das Wolkenkind, schliefen in dieser Nacht einen glücklichen Schlaf.

Ich bin (Lebens)Künstlerin, zweifache Mama, im Herzen noch Kind, Assistentin für alles Mögliche sowie Beraterin in verschiedensten Lebenslagen, und das alles im zauberhaften Leipzig.
Das Leben fasziniert mich maßlos, bis ins kleinste Detail möchte ich es (er)leben, es kosten und auskosten, es intensiv ergründen. Immer interessiert mich brennend, wie die Dinge zusammenhängen, und welchen Einfluss ich selbst auf bestimmte Situationen habe.
Neuem gegenüber stets offen, begeistern mich oft selbst die unscheinbarsten Kleinigkeiten.
Und weil sich (mit)freuen – und manchmal –wundern – soo schön ist, schreibe ich Erlebtes und Gefundenes in diesem freundlichen Blog nieder.
Möge die geneigte Leserschaft ihr helles Vergnügen daran haben!

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