Über den Umgang mit Unfreundlichkeiten

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In letzter Zeit höre ich immer wieder von (mir) lieben Menschen Geschichten von sich ähnelnden Situationen. Und zwar solchen, in denen sie von – meist fremden – Menschen äußerst unfreundlich behandelt wurden (ohne dies ausgelöst zu haben).
So zum Beispiel von der Orthopädin, die nach verlässlich freundlichen 20 Jahren urplötzlich meinen Freund H. auf eine einfache Nachfrage hin regelrecht anschnauzte und ihn auf seine zaghaft geäußerte Verwunderung barsch mit dem Hinweis entließ, er dürfe sich gern nach einer anderen Orthopädin umsehen.
Ein weiteres Beispiel ist meine Freundin J., die es gleich mehrere Male mit einer sehr schnippischen Sekretärin zu tun bekam, die in der zukünftigen Schule ihrer 6-jährigen Tochter das Sekretariat betreute. Da sie dem Aufsuchen dieses Sekretariats nicht ausweichen konnte, fürchtete sie diese Besuche schon regelrecht.
Eine ähnliche Erfahrung habe ich auch selbst gemacht. 18 Jahre jung, ging ich jeden Morgen zur Früh(st)schicht in meiner Praktikumsstelle, einem alternativen Kindergarten. Jeden Morgen ging ich vorher zum einzigen Backshop, der um diese Zeit geöffnet hatte, um mir ein belegtes Brötchen für die Frühstückspause zu kaufen. Und jeden Morgen – für neun Monate oder mehr kaufte ich exakt dasselbe: ein Brötchen, belegt mit Käse. Nach ungefähr drei Wochen dachte ich die (immer selbe) Mitarbeiterin wüsste mittlerweile, was ich kaufen würde und bestellte mit den Worten „Guten Morgen. Ich hätte gern ein belegtes Käse-Brötchen.“
Sie fragte dann jedoch jedes Mal in gereiztem Tonfall nach, und zwar ausführlich, ob ich denn ein belegtes Brötchen mit Käse oder ein belegtes Käse-Brötchen meinte, und ob es denn ein ganzes oder ein halbes Brötchen sein solle. Nachdem wir das ungefähr zwei Wochen gespielt hatten – und wie gesagt bestellte ich nie etwas anderes, wurde mir klar, dass sie das wohl bewusst – also absichtlich – machte. Fortan bestellte ich also “ ein ganzes belegtes Brötchen mit Käse“, für den Rest meiner Praktikumszeit.
Für manchjemanden mag sich das lapidar anhören, für mich zart besaitetes Wesen fühlte sich das damals unangemessen feindselig an und ich konnte es mir nicht erklären.

Ich dachte damals – wie auch H. und J. und vielleicht die meisten Menschen in derartigen, uns allen bekannten Situationen, dass irgendwas an meiner Art und/oder Erscheinung diese Frau bewog, unfreundlich zu mir zu sein. Doch selbst wenn ich sehr freundlich meine Bestellung aufgab, bekam ich keine freundliche Reaktion zurück, was mich verunsicherte. Ich überlegte oft und öfter, was es denn sein könnte und was ich vielleicht sogar an mir ändern müsste.

Wenn ich heute daran zurückdenke, merke ich, wie ich unweigerlich lächeln muss. Heute ist mir vieles klarer und ich weiß zum Beipiel, dass es der Frau wahrscheinlich selbst nicht gut ging, warum auch immer. Doch verletzte Menschen verletzen Menschen – nicht meine Formulierung, aber eine soo treffende. Das heißt, wenn jemand unter etwas in seinem momentanen Leben leidet oder unausgeglichen ist oder unzufrieden, ist er oder sie umso bereiter, das weiterzugeben an die nächst-erreichbare Person. Wenn dann zusätzlich einer täglichen Arbeit nachgegangen werden muss – die sogar noch Umgang mit unzähligen Mitmenschen erfordert, obwohl sich-allein-ins-Bett-Verkriechen als die erwünschtere Alternative erscheint, kann der ansonsten freundlichste Mensch schonmal leicht eskalieren.
Und wenn es nun so aussieht, als würde ich „ruppige“ Menschen hier in Schutz nehmen oder verteidigen wollen – ja, genau das ist meine Absicht. Warum? Ganz einfach: wir alle gehen mit solchen Begebenheiten unterschiedlich um, die meisten von uns fühlen sich jedoch abgelehnt bis angegriffen. Wir sind verunsichert oder verletzt und reagieren oftmals selbst schnippisch, ärgerlich, vielleicht sogar richtiggehend wütend. Entweder direkt der auslösenden Person gegenüber oder (vielleicht weil wir von ihr ja im Moment etwas „wollen“) später einem anderen gegenüber – und eventuell verletzen wir dabei den nächst-erreichbaren Menschen, obwohl der gar nichts damit zu tun hat (und der geht dann möglicherweise damit wieder zum nächsten, der damit zum nächsten geht usw.).
Dabei tut uns dieses Verhalten selbst genausowenig gut wie das vorher von außen erfahrene. Wenn wir diesen negativen Gefühlen unreflektiert nachgeben, behandeln wir uns selbst (und unter Umständen die nächst greifbare Person) also eigentlich ebenso unfreundlich und unfair, wie wir es dem Anderen vorwerfen. Davon geht es uns mitnichten besser, höchstens vermeintlich.

Wenn wir uns also wünschen, weniger verletzt (oder eben verletzend) aus so einer Lage herauszukommen, können wir etwas praktizieren, das ich hier erst einmal – aus Mangel an einem besseren Namen – ‚fiktionsbasierte Emphatie‘ nennen will. Das heißt, wir stellen uns den schnippischen, unfreundlichen oder barschen Menschen in einer Lebenslage vor, die uns sowohl glaubhaft erscheint als auch echtes Verständnis in uns weckt. Für mich sieht das gewöhnlich so oder so ähnlich aus: er/sie hat gerade eine unglaublich aufreibende Trennung hinter sich, hat außerdem mit zwei furchtbar schmerzhaften Weisheitszähnen zu kämpfen und außerdem ist ihr/sein seit der Kindheit geliebter Hund seit vorgestern spurlos verschwunden.
Und na klar ist keiner davon ein ausreichend guter Grund, jemand anderem eins auszuwischen – aber wer von uns schafft es an hundert von hundert Tagen, ein freundliches Gesicht aufzusetzen, wenn es uns so richtig dreckig geht?

Dieses Verständnis hilft aber nur, wenn wir es uns selbst überzeugend verkaufen können. Das heißt am besten funktioniert es, wenn wir eine uns eine „Geschichte“ auszudenken schaffen, die wir selbst uns absolut vorstellen können und von der wir sicher sind, dass wir dafür liebevolles Verständnis aufbringen. Der Fantasie und dem Durchwühlen eigener Erinnerungen und Erfahrungen sollten dabei keine Grenzen gesetzt werden.
Selbstverständlich steht es uns frei, uns stattdessen weiterhin zu ärgern oder zu hinterfragen, langfristigen Frieden bringt dies jedoch selten.
‚Fiktionsbasierte Emphatie‘ hat folglich gleich zwei positive Ergebnisse: zum Einen brauchen wir uns ganz und gar nicht abgelehnt oder verunsichert fühlen und zum Anderen laufen wir nicht Gefahr, solche Gefühle mit anderen zu teilen.
Wenn ich selbst mich so jemandem gegenübersehe, bedaure ich mittlerweile aufrichtig, dass in dessen Leben offensichtlich gerade Einiges aus dem Gleichgewicht ist.

Wer es also schafft, darf natürlich noch einen Schritt weitergehen und benannte Praxis direkt innerhalb solch einer Situation anwenden und sogar freundlich reagieren oder – das ist dann aber sozusagen schon Fortgeschrittenen-Level – vielleicht gar einen ehrlich-bedauernden Kommentar á la „Einer dieser Tage, was?“ abzugeben.

Epilog: Als ich meine Methode mit J. geteilt hatte, die sie sich gern zu Herzen nehmen wollte und zufällig kurz darauf wieder mit besagter Sekretärin zu tun hatte, passierte etwas Wundervolles: schon ganz auf den gewohnt schnippischen Empfang eingestellt, hatte J. diesmal schon im Voraus eine verständnisvolle innere Haltung eingenommen. Zu ihrer Überraschung war dieselbe Sekretärin an diesem Tage entgegenkommend und freundlich zu J. – und sowas wird eben durch Emphatie (welcher auch immer) durchaus auch immer mal möglich.
Und H. und seine Orthopädin? Bei seinem nächsten Besuch bei ihr zeigte sie keine Spur von Angriffslust mehr, war im Gegenteil wieder gewohnt fröhlich und sogar gesprächslustiger – interessant finde ich, dass auch H. vorsichtig-verständnisvoll eingestellt war – und eine Flasche Wein im Beutel hatte, die er ihr überreichen wollte, falls sie ihm denn mit seiner ursprünglichen Bitte helfen könnte (und wollte) – was auch genau so eintraf.

Nun ermuntere ich Euch, liebe Leser, Eure eigenen Erfahrungen mit meiner Methode zu sammeln. Sehr gern lese ich dann in den Kommentaren darüber, was Euch dabei begegnet ist und wie es Euch damit ging.

Ich bin (Lebens)Künstlerin, zweifache Mama, im Herzen noch Kind, ewig-optimistische Traumtänzerin sowie emphatische Beraterin in verschiedensten Lebenslagen, und das alles im zauberhaften Leipzig.
Das Leben fasziniert mich maßlos, bis ins kleinste Detail möchte ich es (er)leben, es kosten und auskosten, es intensiv ergründen. Immer interessiert mich brennend, wie die Dinge zusammenhängen, und welchen Einfluss ich selbst auf bestimmte Situationen habe.
Neuem gegenüber stets offen, begeistern mich oft selbst die unscheinbarsten Kleinigkeiten.
Und weil sich (mit)freuen – und manchmal –wundern – soo schön ist, schreibe ich Erlebtes und Gefundenes in diesem freundlichen Blog nieder.
Möge die geneigte Leserschaft ihr helles Vergnügen daran haben!

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